Rede aus der Studierendenschaft

Rede aus der Studierendenschaft

von Anna Ohlmann anlässlich der Eröffnung des Rundgangs der Freien Kunstakademie Nürtingen am 24. Juli 2026:

Liebe Kommilitoninnen und Kommilitonen,
lieber Vorstand,
liebe Dozenten und Dozentinnen,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe die Ehre zum Rundgang 2026 die studentische Rede zu halten. Darin möchte ich als Absolventin in diesem Jahr ein paar persönliche Worte zu meinem Studium an dieser Akademie hier finden.
Die Freie Kunstakademie Nürtingen wird 50 Jahre alt – ein Grund zum Feiern dieser Geschichte an diesem Ort! ––, daher habe ich für euch hier eine kleine Ode an die FKN geschrieben.

Jedoch fange ich vorne an:
Vor einigen Jahren bin ich hier mehr mit einem Plan B als auf direktem Weg an die FKN gekommen. Ich war 28, hatte ein erstes anderes Studium und erste Berufserfahrungen hinter mir. Ich wusste aber, dass ich als Künstler arbeiten will.
Und dennoch oder gerade deswegen war ich eine Suchende und Zweifelnde und daher vor allem eins: randvoll mit Fragen.
Hier eine kleine Auswahl:

Teil 1:
Was mache ich mit meiner Lebenszeit?
Wer bin ich?
Was macht für mich Sinn?
Wie will ich leben?

Teil 2:
Was oder welche Arbeit macht mich zufrieden?
Wie kann und will ich die Welt gestalten?
Wen und was brauche ich dazu?
Wie will ich arbeiten?

Und Teil 3:
Warum zur Hölle wird in Nürtingen schon wieder geplant, eine immens große Fläche als Parkplatz umzubauen, die gesamte Fläche zu versiegeln, nur damit dort Autos stehen können?
Warum zur Hölle ist in Deutschland wieder eine extrem rechte, verfassungswidrige, anti-demokratische Partei, namentlich die AfD, am erstarkenErstarken, die in ihrem Parteiprogramm eine unter anderem menschen-, vielfalt- und kulturfeindliche Politik ankündigt und praktiziert, und wird auch noch von Mitbürgern gewählt?
Warum zur Hölle ist der blaue Planet Erde bald am Arsch, sprich: ist unser Lebensort dahin, wenn wir als Menschen nicht alsbald einen Beitrag dafür leisten, dass wir hier weiter einen Platz im Universum haben?

Stört das denn keinen?
Spürt keiner was?
Kann ich daran etwas ändern?
Was ist mein Beitrag?
Wie kann ich mit anderen zusammen meine Umgebung zu einem guten und friedlichen Ort machen und gestalten?

Diese Fragen haben vielleicht scheinbar auf direktem Weg zunächst wenig mit dem Wort „Kunst“ zu tun – sind wir doch hier an einer Kunstakademie. Und doch kommen diese Fragen dem einen oder der anderen von meinen Kommilitonen hier sehr wahrscheinlich bekannt vor, richtig?

Nun mache ich hier meinen Abschluss und ich sage euch Folgendes: – Achtung Spoiler! -– Die meisten Fragen sind geblieben. Damn. Vor allem Teil 3 – ihr wisst schon.
Sprich also: Warum und wozu also dann ein Kunststudium an der an der Freien Kunstakademie Nürtingen?

Ich sage euch hier meine persönlichen TOP fünf der sinnigsten Gründe, die weit in das Feld des Künstlerischen und Politischen hineinragen.

Nummer 1
Gemeinsam Arbeiten!

Die kontroverse Suche nach der Antwort auf solche Fragen, wie dendie vorher genannten, macht gemeinsam mehr Spaß und zusammen findet man im Arbeiten daran zu weiterführenden Ideen. Die vorausgegangenen Fragen sind in der Weise geblieben, dass ich hier mit genauso Suchenden wie Zweifelnden gemeinsam an den Fragen knabbern und forschen konnte. Das hat mich mit Kommiliton:Inneninnen verbunden – mit einigen auch über ihre Zeit an der FKN hinaus.

Nummer 2
Sich selbst ernst nehmen!
aber nicht zu ernst … ;)

Ich habe hier erfahren, dass man mich mit meinen Zeichnungen ernst nimmt. Diese Tatsache hat mich auf mein Innerstes gestoßen. Im Gespräch mit den Künstler:Innen hier, sowohl mit den Dozenten und den Kommilitoninnen als auch den Atelierstipendiaten, war es zunächst schmerzhaft, dann transformierend, dann wohltuend, dass das, was ich bis dato gemacht hatte, mit mir zusammengewachsen ist. Indem ich meine künstlerische Sprache ernst genommen habe, die ich mir im Laufe der Zeit zu eigen gemacht habe. Dabei hilft es auch manchmal, über sich selbst zu lachen!

Grund Nummer 3
Sehen verbindet.

Ein Bild, so soll Paul Cézanne mit einer Geste
[Hände als Dach falten]
gezeigt haben, ist die Verschränkung von eigener Wahrnehmung und des Sichtbarmachens dieser persönlichen Wahrnehmung der Welt auf der Leinwand. Ich kann in einer Zeichnung, einem Keramikobjekt oder einer Installation Ansätze sehen, wie ein anderer die Welt begreift, wie er seine Umgebung versteht, wofür sie sich interessiert, welcher Mensch er ist, welche Erfahrungen sie gemacht hat. Kontroverses eingeschlossen. Das verbindet ebenfalls.

Grund Nummer 4
Free yourself of your own Cage!
Befreie dich aus deinem eigenen Käfig!

Dies hat der Philosoph und Musiker John Cage gesagt, im Spiel mit seinem eigenen Namen.
In meiner Zeit an der FKN habe ich in meiner Arbeit im Atelier und in Seminaren das Ureigenste aller Künste immer wieder praktiziert und geübt: eigene Grenzen überschreiten und ausloten. Ich habe eigene Schranken heruntergerissen, die eigenen Beschränkungen im Kopf hinterfragt und überwunden. Ein zum großen Teil anstrengender und fragiler Prozess, für den die Akademie mit Ihren Dozent:innen und Kommiliton:innen einen guten und stabilen Rahmen bietet.

Nun: Nummer 5
Freiheit kultivieren üben!

Mein liebstes Wort der Freien Kunstakademie Nürtingen ist das erste: Freiheit. Ganz Sichersicher ist, dass Freiheit auch anderen wichtig ist – unsicher ist jedoch, wie der Begriff verstanden wird – 100 Menschen: 100 Freiheitsbegriffe.

Ich habe hier zum Thema Freiheit zwei sehr simple Dinge mitgebracht.
[DIN A 4 -A4-Blatt hochhalten]
Mit einem weißen DIN A 4 -A4-Blatt kann man schon mal ziemlich viel machen.
Zum Beispiel ein Fernglas daraus bauen.
Zum Beispiel es zur Bühne für eineneine Performance machen.
Zum Beispiel einen Hut falten.
[Hut falten]
Wenn man zudem einen Stift hat, kann man nochmal anderes tun. Man hat die Macht, damit etwas zu machen.

Man kann ein menschenfeindliches Parteiprogramm aufschreiben, um andere glauben zu machen, es sei die Lösung für alle Probleme, und es dann auch noch in die Tat umzusetzen.

Nein?! Nein!!!

Ich hätte da paar andere, positive und produktive Ideen:
Ich kann eine Akademie gründen.
Ich kann eine Skizze für eine Keramikarbeit zeichnen.
Ich kann beim Aktzeichnen üben, den tollsten B…B…auchnabel zu zeichnen.
Ich kann darauf einen Song schreiben.
Ich kann einen Flyer für eine Klimademo entwerfen.
Ich kann ein Line-Up für ein Festival organisieren.
Ich kann eine Firma gründen, die Solaranlagen entwickelt.
Ich kann einen Plan für eine Reise aufzeichnen.
Wir können einen Schichtplan für den Rundgang kalkulieren.
Ich kann endlich den Liebesbrief schreiben.
[Herz auf Papier zeichnen]
Ich kann meinen tollsten Lebenstraum in eine Zeichnung fassen.

Zum Thema Träumen, Freiheit und Kunst finde ich das Wort des Philosophen Jean-Luc Nancy interessant und wichtig: das Genießen. Wer genießt, geht über den reinen Nutzen eines Dings hinaus. Wer genießt, freut sich, spielt Möglichkeiten durch, träumt. Das ist nicht überflüssig. Dann wäre es Luxus.

Träumen ist kein Luxus, träumen ist gestalten!
Kunst ist kein Luxus, Kunst ist unabdingbar, denn sie schafft, macht, arbeitet an der Gegenwart, und damit an einem Teil der Zukunft!
Die Freiheit, mit einem Blatt Papier das zu machen, was ich damit möchte, ist kein Luxus -– hört aber bei der Freiheit des anderen auf.

Wer eine Zeichnung macht und seine Zeit dabei genießt, hat als erstenerstes für sich schon einen Mehrwert. Und man will diesen Mehrwert nicht mehr missen!

Ähnlich ist es mit der Freiheit: Wer die Freiheit genießt, hat für sich einen Mehrwert. Ohne dass etwas davon weniger wird oder sich einschränken muss. Kunst und Freiheit multiplizieren sich also im Genießen zauberhaft.

Eine Akademie ist für mich damit ebenso eine gemeinsame Schule der Freiheit und der nachhaltigen Arbeit an der Freiheit und der Vertiefung von politischen Fragen an, mit, von und durch das künstlerische Tun, das Machen.

Die Akademie hier ist durch uns alle, eine Vielfalt von unterschiedlichsten Menschen, ein liebevoller und liebenswürdiger Ort mit vielen Möglichkeiten zum Sein und Arbeiten.

Soweit meine Gedanken an dieser Rundgangseröffnung im Jubiläumsjahr 2026.
Ich glaube, jetzt helfen auch nicht mehr weitere Worte, sondern nur das Genießen des Rundgangs mit den vielen Arbeiten von uns Studierenden und im Weiteren das laufende Jubiläumsjahr an der FKN – schaut euch um, guckt, diskutiert die Kunst hier – und:

Lasst euch davon verzaubern und verzaubert selbst!
Vielen Dank.